Von Wissenschaft, Schwurbel und Darts – Eine Analogie

Vielen Laien war der wissenschaftliche Prozess des Erkenntnisgewinns bislang nicht bewusst. Schwurbler nutzen die so entstandenen Unsicherheiten aus, um auf sich aufmerksam zu machen. Diese kleine Darts-Analogie soll ein paar Zusammenhänge verdeutlichen.

Ich glaube an die Wissenschaft. Ich glaube an die Fakten, die mir Studien liefern. Manchmal gibt es Studien, die sich widersprechen. Vielleicht weil sie eine Fragestellung aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Vielleicht weil sie einen unterschiedlichen Versuchsaufbau hatten. Vielleicht einfach weil sie von verschiedenen Personen an unterschiedlichen Orten durchgeführt wurden. Und dann kommt eine weitere Studie und findet eine Erklärung für beide Ergebnisse. Oder eben auch nicht. Wissenschaft kann niemals die vollständige Wahrheit abbilden. Das beansprucht die Wissenschaft auch nicht für sich. Jede seriöse Studie hat einen ellenlangen Diskussionsteil, in der sie auf die Fehlerquellen und eventuellen Limitationen hinweist. Das macht gute Wissenschaft aus. Ich komme aus der Wissenschaft. Ich kann mit dieser Unsicherheit umgehen und weiß sie einzuordnen.

Vielen Laien fällt es jedoch schwer, den wissenschaftlichen Prozess nachzuvollziehen. Sie hören von Studie A und speichern die erhaltene Erkenntnis ab. Plötzlich kommt aber Studie B und relativiert die Aussage von Studie A. Das bedeutet nicht, dass Studie A falsch ist. Es gibt einfach neue Erkenntnisse, die die Ergebnisse von A in ein anderes Licht rücken. So nähert man sich mit vielen Studien langsam einem Gesamtbild an.

Man kann sich den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn ein bisschen wie ein Dartspiel eines ungeübten Dartspielers vorstellen, wobei genau die Mitte des Bull’s Eye “die Wahrheit” zu einem Thema, der Dartspieler “die Wissenschaft” als ganzes und jeder Pfeil eine wissenschaftliche Studie darstellt. Der Dartspieler zielt von Anfang an auf das Bull’s Eye, braucht aber viele Pfeile um immer besser zu werden und sich dem Bull’s Eye zu nähern. Vielleicht trifft ein Pfeil auch mal genau ins Schwarze, die meisten werden jedoch mit einer gewissen Streuung darum herum liegen. Dann gibt es auch immer mal wieder einen Ausreißer. Je mehr der Dartspieler übt, desto kleiner wird aber die Streuung um das Bull’s Eye. Massive Abweichungen (zum guten oder schlechten) können zustande kommen, wenn der Dartspieler plötzlich andere Pfeile verwendet (anderes Studiendesign), eine neue Wurftechnik einübt (andere Methoden) oder in einer völlig anderen Umgebung spielt (verschiedene Populationen).

In der jetzigen Situation bekommen wir diesen Prozess des Erkenntnisgewinns in Echtzeit mit und das verwirrt und verunsichert viele Leute. Am liebsten schauen wir uns ein Dartspiel von Profis an, bei denen jeder Wurf das Bull’s Eye trifft. Dass die Profis dafür jahrelang hart trainiert haben und vorher viele Pfeile weit ab von der Mitte landeten ist selbstverständlich, aber nichts was wir normalerweise zu sehen bekommen.

In der jetzigen Situation steht der ungeübte Dartspieler allerdings unter den Augen der Welt vor der Dartscheibe und soll jeden Pfeil direkt ins Schwarze treffen. Panisch wirft er erstmal so viele Pfeile wie möglich, in der Hoffnung, dass auch ein paar gute Würfe dabei sind, viele Würfe landen jedoch breit über die Dartscheibe verteilt und versperren vielmehr den Blick auf die guten Würfe. Nun muss unter der Flut der Pfeile erstmal das Bull’s Eye ausgemacht und evaluiert werden, unter welchen Umständen ein guter Wurf denn überhaupt zustande kam. Anschließend wird versucht, diese Technik zu verfeinern. Vom Rand aus beobachten die Zuschauer jeden Wurf und kommentieren ihn wahlweise jubelnd oder buhend, teilweise auch beides. Sie rufen dem Dartspieler Tipps zur Verbesserung seiner Würfe zu, die mal hilfreich, oft genug aber auch störend sind. Der Dartspieler versucht sich davon nicht ablenken zu lassen und wird langsam immer besser in seinen Würfen.

Das ist das Spiel, welches wir uns derzeit anschauen. Viele Zuschauer sind etwas irritiert ob der anfänglich etwas ungeschickten Würfe. Sie sind es gewöhnt nur die eingeübten, besten Würfe zu sehen. Aber so funktioniert nun mal Wissenschaft. Wir sind wahrscheinlich noch nie so schnell vom Ungeübten zum Profi geworden wie in diesem Jahr. Und der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, das Spiel ist noch in vollem Gange. Alle Kameras sind auf diesen einen Dartspieler gerichtet, wobei jede Kamera den Dartspieler aus einer etwas anderen Perspektive einfängt. Ein vollständiges Bild der Performance des Dartspielers erhalten wir, wenn wir uns alle Kameraperspektiven anschauen.

Es gibt jedoch auch ein paar Kameramänner, die sich hinter dem Dartspieler aufgestellt haben, sodass der Dartspieler den Blick auf das Ziel verdeckt. Aus dieser Perspektive sind nur noch maximal die Ränder der Dartscheibe zu erkennen, sowie die Pfeile, die dort einschlugen oder gänzlich daneben gingen (was in seltenen Fällen schließlich auch vorkommen kann). Verständlicherweise ergibt diese Perspektive alles andere als ein klares Bild. Es könnte vielmehr der Eindruck entstehen, ein reales Ziel würde noch nicht einmal existieren und der Dartspieler würde sich mit lustigen Posen einfach zur Schau stellen.

Zu allem Überfluss hat sich eine kleine Gruppe aus fanatischen Hobbydartspielern, Dartspielern im Ruhestand, sowie Sportlern einer gänzlich anderen Profession von der großen Zuschauermenge gelöst und genau hinter der Dartscheibe versammelt. Hier erhoffen sie, ebenfalls von den Kameras eingefangen zu werden und die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu erhalten. Dazu kommentieren sie in einer unglaublichen Lautstärke jede vermeintlich falsche Bewegung des Dartspielers und jeden an der Dartscheibe vorbeifliegenden Pfeil (alles was auf der Dartscheibe landet nehmen sie schlicht nicht wahr). Während diese kleine Gruppe von den auf das Dartspiel fokussierten Seitenkameras nur  flüchtig erfasst wird, nehmen die Kameras in direkter Linie zum Dartspieler sie in überdimensionierter Größe wahr. Es gibt aus dieser Perspektive ja auch sonst nicht viel zu berichten.

Die hinter der Dartscheibe versammelte, gröhlende Gruppe verunsichtert die bereits irritierten Zuschauer noch mehr, und einige werden sich ihnen möglicherweise anschließen. Ich habe allerdings die Hoffnung, dass wir durch ein paar gute Kommentatoren das eigentliche Spiel einem Großteil der Zuschauer so gut erklären können, dass sie den Fokus auf dem (derzeit etwas ungewöhnlichen) Spiel behalten und die gröhlende Menge als das wahrnehmen was sie ist: Ein lauter Haufen aufmerksamkeitssuchender Schwurbler.

Nothing beats Facts!

Eure Mrs. Eluhut