Vom Problem der langsamen Durchseuchung und dem Schutz der alten Bevölkerung

“Lasst uns doch einfach die Älteren und Vorerkrankten schützen, damit der Rest sein Leben wieder hat.” So einfach, wie manche sich das vorstellen, ist es aber nicht.

In Deutschland befinden wir uns, was die Rate der Neuinfektionen betrifft, derzeit in einer so komfortablen Situation, dass in einigen Bundesländern bereits über die Abschaffung der Maskenpflicht beim Einkaufen nachgedacht wurde. Es ist eine trügerische Situation. Wir haben kaum neue Fälle, der erste Schrecken von März/April ist vorbei. Wir konnten die Kurve der Neuinfektionen schnell genug senken, um einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern. Und ich merke, wie selbst mich immer wieder das Präventionsparadoxon einholt.

“War doch alles gar nicht so schlimm. Was ist, wenn keine Impfung kommt? Wir könnten ein bisschen #mutigwiestreeck sein. Infektionen zulassen. Eine langsame Durchseuchung erreichen. Müssen wir eben die vulnerable Bevölkerung schützen.” Dies sind Gedankengänge, die sich trotz der weltweit erschreckend schnellen Ausbreitung des Virus auch bei mir einschleichen. Aber wie sollte ein Schutz der älteren und vorbelasteten Bevölkerung aussehen?

Status quo

Wir wissen, dass besonders am Anfang der SARS-CoV-2-Pandemie der Schutz von Senioren- und Pflegeheimbewohner*innen in vielen Ländern ein schwerwiegendes Problem darstellte und ein nicht geringer Anteil der COVID-19-Verstorbenen auf diese zurückgeht (Quelle1, Quelle2, Quelle3). Der Schutz dieser vulnerablen Bevölkerungsgruppe stellt eine ernst zu nehmende und multifaktorielle Herausforderung dar. Dort stehen massive Hygienemaßnahmen und Besuchsbeschränkungen (besonders während der Zeit des Lockdowns) auf der einen Seite, und das Problem der Vereinsammung auf der anderen Seite.

Es ist unbestritten, dass eine wochenlange Isolation alter und demenzkranker Menschen mit erheblichen Gesundheitsfolgen einhergeht. So könne einem Bericht des “Guardian” zufolge der Verlust der sozialen Kontakte dazu führen, dass sich die Betroffenen verwirrt und verlassen fühlen, aufhören zu essen und zu sprechen. Weiterhin hätten in England drei Viertel aller Heime berichtet, dass die Allgemeinmediziner*innen die Heimbewohner nur ungern besucht hätten. Die britische Alzheimer’s Society geht für den Monat April 2020 von einem 83 prozentigem  Anstieg (fast 10.000) der Sterbefälle bei Demenz- und Alzheimerpatient*innen in England aus – zusätzlich zu den an COVID-19 Verstorbenen. Selbstverständlich handelt es sich hierbei um Verluste, die genau im Blick behalten, aufgearbeitet und verhindert werden müssen. Eine Aufhebung der Maßnahmen ist jedoch keine folgerichtige Konsequenz, wie gerne mal von den Corona-Verharmloser*innen behauptet wird.

SARS-CoV-2 trifft Heimbewohner*innen und Personal

Es ist doch so: Je höher die Fallzahlen in der Bevölkerung sind, desto höher ist auch das Risiko, dass das Virus wieder in die Heime getragen wird. Und was dann geschieht ist dramatisch. So sind beispielsweise in Wolfsburg und Würzburg jeweils rund 25 Prozent aller Heimbewohner*innen an SARS-CoV-2 verstorben (Quelle). Die Tagesschau berichtete, dass in einem Pflegeheim bei Heilbronn zwischenzeitlich zwei Drittel der Pfleger*innen infiziert waren. Laut RKI-Lagebericht sind bis Anfang Juli fast 10.000 Tätige in Einrichtungen nach §36 IfSG positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden, von welchen ein Großteil vermutlich auf Beschäftigte in Pflege- und Altenheimen zurückzuführen ist. Von diesen wurden 423 hospitalisiert und 43 verstarben.

Somit ist die Eintragung des Virus in die Heime nicht nur für die Bewohner*innen, sondern auch das Personal gefährlich. Und krankes Personal kann nicht arbeiten, was die Lage für die Bewohner*innen zusätzlich verschärft. Ob das Virus nun durch die Besucher*innen oder das Personal in die Pflegeeinrichtungen gelangt, es ist größtmöglicher Schutz der Bewohner*innen und des Personals geboten, um ein gegenseitiges Anstecken zu vermeiden, beispielsweise durch entsprechende Schutzkleidung inkl. FFP2-Masken.

Folgen einer Durchseuchungsstrategie für Heimbewohner*innen

Ich gehe davon aus, dass der Großteil der Bevölkerung ein Massensterben in Altenheimen als keinen akzeptablen “Kollateralschaden” einer Durchseuchungsstrategie akzeptiert. Für eine langsame Durchseuchung, bei welcher die Gesundheitssysteme nicht überlasten, müssten die Heimbewohner*innen dementsprechend besonders geschützt werden. Dies würde eingeschränkte bis gar keine Besuchsmöglichkeiten über viele Monate hinweg bedeuten. Und wenn dies, wie oben beschrieben, bereits nach einigen Wochen solch drastische Konsequenzen mit tausenden Toten nach sich zieht, welche Auswirkungen hat dann eine monatelange Isolation der Pflegebedürftigen?

Selbst mit ausreichend Schutzkleidung, häufigem Testen etc. wäre das Infektionsrisiko für die Heimbewohner*innen bei der Durchseuchungsstrategie weiterhin gegeben. Und es mag durchaus ältere Menschen geben, die nachvollziehbarerweise lieber eine Infektion riskieren als zu vereinsamen, aber rechtfertigt das ein gesteigertes Eintragungsrisiko für alle anderen Bewohner*innen und das Personal? Und wenn das Virus “frei” in der Bevölkerung zirkuliert, wie viele Angehörige würden es dann riskieren ihre Lieben zu besuchen und evtl. anzustecken?

Bei der Durchseuchungsstrategie ergibt sich daher folgende Zwickmühle: Heimbewohner*innen vor der Infektion bewahren und viel seelisches Leid und Tote durch die Isolation riskieren oder Heimbewohner*innen vor der Vereinsamung bewahren und viele Tote durch eine Infektion riskieren.

Bespiel Schweden

Schauen wir nach Schweden, dessen “Sonderweg” zum Umgang mit der Corona-Krise die Aufmerksamkeit der Medien, Politik und Wissenschaft immer wieder auf sich zieht. Wie viele andere Länder, hatte auch Schweden vor allem zu Beginn der Corona-Krise die häufigsten Todesfälle in Alten- und Pflegeheimen. Während Deutschland seine Infektionszahlen mittlerweile soweit absenken konnte, dass Besuche von Angehörigen in Alten- und Pflegeheimen unter Hygieneauflagen wieder vergleichsweise “sicher” möglich sind, besteht weiterhin ein generelles Besuchsverbot in schwedischen Altenheimen noch bis mindestens 31. August (Quelle). In wieweit Ausnahmen von dem Verbot gemacht werden können, wird schwedischen Regierungsangaben zufolge derzeit noch untersucht.

Wie könnte eine mögliche Lösung für das Problem aussehen?

Das Stichwort lautet hier: Containment (engl. für Eindämmung). Je niedriger die Infektionszahlen sind, desto normaler kann auch das Leben für die gefährdetste Bevölkerungsgruppe fortgesetzt werden. Denn das Problem mit der Herdenimmunität betrifft ja nicht ausschließlich Heimbewohner*innen, sondern auch Menschen mit Vorerkrankungen und Behinderungen. So plädiert in Deutschland auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina “für eine schrittweise Wiederaufnahme des gesellschaftlichen Lebens”. Diese setze allerdings “unabdingbar voraus, dass sich die Neuinfektionen auf einem niedrigen Niveau stabilisieren, das Gesundheitssystem nicht überlastet wird, Infizierte zunehmend identifiziert und die Schutzmaßnahmen eingehalten werden.”

Mir ist bewusst, dass bei der Bekämpfung der Pandemie viele Aspekte berücksichtigt werden müssen. Und auch in Bezug auf den Punkt “Schutz der älteren Bevölkerung” gibt es sicherlich weitere Aspekte, welche ich nicht bedacht habe. Es werden so viele ethische Fragen aufgeworfen, dass ich die Politiker*innen derzeit wirklich nicht um ihren Job beneide. Derzeit scheint mir der einzige Ausweg zum Schutz der älteren und vorbelasteten Bevölkerung vor dem Virus und vor sozialer Isolation allerdings nur die Strategie Eindämmung zu sein. Auf diesem Wege müssen wir alle kleine Veränderungen unseres normalen Alltags hinnehmen, wir Schultern aber nicht die gesamte Last auf unsere älteren und vorbelasteten Mitbürger*innen.

Falls auch ihr hin und wieder in das Präventionsparadoxon verfallt, Menschen kennt, die ganz lapidar “einfach den Schutz der älteren Bevölkerung” fordern, oder – schlimmer noch – der Vereinsamung der älteren Bevölkerung durch Aufhebung sämtlicher Maßnahmen begegnen wollen, dann teilt meinen Artikel gerne.

In diesem Sinne: Behaltet eure Masken auf und distanziert euch – besonders von Corona-Verharmloser*innen!

Nothing beats Facts!

Eure Mrs. Eluhut