Der Coronafant im Raum

Heute mal etwas Persönliches. Ich wurde bereits mehrfach gefragt, wie ich mit dem Thema Corona-Verharmloser:innen in der Familie umgehe. Keine leichte Antwort.Wichtig ist mir: Keine Pauschalisierung, kein Schwarz-Weiß-Denken.

Ich kenne mittlerweile einige Erfahrungsberichte von Freunden, Bekannten und Leser:innen, denen der Umgang mit Corona-Verharmloser:innen zunehmend schwerer fällt. Ähnlich ergeht es mir. Meine Familie wird an der nächsten Querdenker-Demo in Berlin teilnehmen. Eine Familienfeier, welche einige Tage später geplant war, habe ich nun abgesagt. Nicht weil die Familie anderer Meinung ist, sondern weil ich durch die unbesonnene Teilnahme an einer Großdemonstration ohne Abstände und Masken bei derzeit steigenden Infektionszahlen nicht zusätzlich zu einer Virusverbreitung beitragen möchte. Es bildet sich allerdings auch menschlich eine Kluft zwischen uns, die immer größer zu werden scheint, je länger der Ausnahmezustand anhält.

Der rosa Coronafant im Raum

Meine Familie ist anderer Meinung. Das darf sie sein. Wer bin ich, anderen Menschen meine Meinung aufzuzwingen? Ich möchte umgekehrt schließlich auch nicht von ihrer Meinung überzeugt werden. So haben wir uns nach kurzem Disput und Abstecken der Sichtweisen des Anderen stillschweigend auf ein Stillschweigen geeinigt. Diskutieren würde nichts bringen, das wissen beide Seiten. Ich werde mich niemals auf ihre Argumente einlassen und sie sich nicht auf meine. Wir umschiffen das Thema, welches derzeit in aller Munde liegt und worum sich in einem “normalen” Umfeld früher oder später jedes Gespräch dreht. So sehr wir auch versuchen eine Normalität vorzutäuschen, der rosa Coronafant ist immer mit im Raum. Niemand spricht über ihn. Und er wächst von Woche zu Woche, von einer Querdenker-Demo zur nächsten. Er versperrt uns mittlerweile die ungetrübte Sicht aufeinander. Und ich frage mich wo das Enden soll und wird.

Meinungsfreiheit JA, Schwarz-Weiß-Denken NEIN

Es ist ein schmaler Grad zwischen Akzeptanz der Meinungsfreiheit und Schubladendenken. Ich beobachte das Abstempeln anderer Meinungen in ein “Dafür oder Dagegen”, das Hineinpressen in ein Schwarz-Weiß-Schema. Auch ich kann mich davon nicht freisprechen. Meine Familie ist weder dumm, noch sind sie “Covidioten”. Ich halte es für falsch, anders Denkenden pauschal ein solches Label aufzudrücken, obwohl ich mich anfangs selbst auf diese Weise geäußert habe. Ebenso möchte ich ich weder Drosten-Jüngerin noch Maskenfetischistin genannt werden. Natürlich sollte man die Dinge beim Namen nennen, aber ohne despektierlich zu werden. Das Verhärtet die Fronten nur weiter und nimmt jede Grundlage für eine angemessene Diskussion.

Versteht mich nicht falsch, wenn jemand Falschinformationen verbreitet, muss das definitiv aufgezeigt und korrigiert werden. Wenn jemand rechtsextremes Gedankengut und Verschwörungsideologien verbreitet, MUSS das klar benannt werden! Wir dürfen aber nicht jede Person, die Maßnahmen kritisiert, sofort in den Topf “Pandemie-Leugner:in” werfen.  DAS tut einem demokratischen Diskurs ebenfalls nicht gut. Kann man der Meinung sein, dass eine gesteigerte Zahl Toter und möglicherweise Langzeitgeschädigter einer Einschränkung aller nicht wert sind? Ja, das kann man. Und diese Meinung sollte man in einem demokratischen Staat frei äußern dürfen, ohne als Verschwörungsideologe zu gelten. Es würde nicht meinem Selbstverständnis von einer humanistischen Gesellschaft entsprechen, aber so lange diese Meinung faktenbasiert ist, sollten wir sie akzeptieren. Problematisch wird es meiner Ansicht nach dann, wenn YouTube-Schwurbler Falschinformationen unter die Leute streuen und die Meinungsbildung somit auf Trugbildern fußt.

Um es mit den Worten Florian Schröders zu sagen: “Meinungsfreiheit heißt zuhören. Sich einlassen auf einen, der nicht das sagt was ihr hören wollt. […] Freiheit heißt Respekt haben.” Aber auch: “Eine Freiheit, die sich nur als Respektlosigkeit zeigt, ist das Ende der Freiheit. […] Freiheit heißt vernünftig sein und sich nicht verleiten lassen von falschen Propheten, die glauben, dass sie die Wahrheit haben. DAS heißt selber denken. DAS heißt querdenken. Vernünftig sein. Und nicht Glaubenssätzen folgen.” (Quelle)

Andere Meinung oder andere Weltsicht?

Zu meiner Familie zurückkommend: Ich finde den Umgang schwierig. Es handelt sich ja nicht einfach “nur” um eine andere Meinung, sondern um eine komplett andere – und aus meinem Blickwinkel wirklich besorgniserregende – Weltsicht. Eine Weltsicht, in der es in Ordnung ist, an einer Demo teilzunehmen, welche nachweislich und offen von Rechtsextremen gekapert wird (Quelle). Eine Weltsicht, in der jeder ungestraft “Zensur” und “Lügenpresse” ins Internet posaunen darf und trotzdem von Diktatur gesprochen wird. In der Angst und Misstrauen gegen staatliche Institutionen, gegen die Wissenschaft und die Mainstream-Medien per se geschürt wird (siehe dazu meinen Beitrag “Lügenpresse” vs. Alternative Medien). Das lässt sich auf lange Sicht wohl nicht einfach ignorieren. Der rosa Coronafant wird nicht von selbst verschwinden. Welche Konsequenzen ich daraus ziehen werde, darüber muss ich mir selbst noch im klaren werden. Es geht hier schließlich nicht um irgendwelche Bekannten, sondern um die Familie. Um Mutter, Vater, Schwester.

Wenn es euch oder euren Bekannten und Freunden ähnlich wie mir geht, dann teilt meinen Beitrag gerne. Manchmal hilft es schon, wenn man weiß, dass man nicht alleine in dieser Lage ist.

Nothing beats Facts!

Eure Mrs. Eluhut