Ärzte für Aufklärung: “Da bleibt die Luft weg” welche Desinformationen hier gestreut werden

Die Ärzte für Aufklärung behaupten fälschlicherweise, der Deutsche Rat für Wiederbelebung würde aufgrund der Corona-Pandemie ausdrücklich von einer Atemspende durch Laien und medizinisches Fachpersonal abraten. Ich nehme das Statement für euch auseinander.

Die selbsternannten Ärzte für Aufklärung halten nach eigenen Angaben die aktuellen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie für “überzogen”. Mit irreführenden Behauptungen kritisieren sie vor diesem Hintergrund auch die Änderungen der  Leitlinie des Deutschen Rats für Wiederbelebung (German Resuscitation Council, GRC) und fordern den GRC zur “sofortigen Rücknahme” dieser auf. In ihrem Beitrag werden allerdings viele Fakten verdreht oder ausgelassen. Gehen wir das ganze mal Punkt für Punkt durch:

  • “Zur Information: Der Verein Deutscher Rat für Wiederbelebung – German Resuscitation Council (GRC) hat am 09.04.2020 eine neue Leitlinie herausgegeben. “
    Bereits der erste Satz stimmt so nicht. Nicht der GRC hat eine neue Leitlinie herausgegeben, sondern der ERC (European Resuscitation Council). Der GRC war für die offiziell autorisierte Übersetzung ins Deutsche verantwortlich. Zudem handelt es sich lediglich um eine Aktualisierung der aktuellen Leitlinie – aber das nur am Rand. Zur Erläuterung: Der ERC gibt in seiner Leitlinie Handlungsempfehlungen für alle europäischen Mitgliedsstaaten. Diese können allerdings in den einzelnen Ländern abweichen, wie auch klar und deutlich in der Leitlinie formuliert wird:

    Der GRC hat nun basierend auf dieser aktualisierten Leitlinie eine eigene “Stellungnahme […] zur Durchführung von Wiederbelebungsmaßnahmen im Umfeld der COVID-19-Pandemie” herausgegeben. Aktuell kann man nur noch die aktualisierte Stellungnahme vom 24.04.2020 einsehen, die erste Stellungnahme erschien laut Webseite des GRC am 14.04.2020, wo genau der 09.04.2020 herkommt weiß ich also auch nicht. Es scheint allerdings so, als würde sich der weitere Text der Ärzte für Aufklärung entweder auf die erste – nicht mehr verfügbare – Stellungnahme beziehen, oder auf die Leitlinie des ERC. Die aktuelle Stellungnahme des GRC unterscheidet sich allerdings in den kritisierten Punkten wesentlich von der ERC-Leitlinie, wie wir gleich sehen werden.
  • “Wegen angeblicher Gefahr von Aerosolen mit SARS CoV-2 bei der Wiederbelebung soll auf die Atemspende verzichtet werden von Ersthelfern (medizin. Fachpersonal) und Laien.” 
    Das ist falsch. Das Thema Aersosolbildung, durch welche sich Helfende mit dem Virus anstecken könnten, spielt im Zusammenhang mit der Thoraxkompression sowie der Defibrillation eine Rolle, nicht aber bei der Atemspende. Es ist ja auch vollkommen logisch, dass bei einer ungeschützten Mund-zu-Mund/Nasen-Beatmung ein direkter Austausch von Körperflüssigkeiten den eigentlichen Übertragungsweg darstellt und der Punkt Aerosolbildung in diesem Zusammenhang somit völlig unerheblich ist. Das Thema Aersosol hat also mit einer angeblich zu unterlassenden Atemspende erstmal nichts zu tun.
    Allerdings weist die GRC-Stellungnahme darauf hin, dass bei einer Reanimation “zum Eigenschutz der Ersthelfer vor Aerosolen Mund und Nase des Betroffenen zusätzlich mit einem luftdurchlässigen Tuch” bedeckt werden können.
    Außerdem steht in der GRC-Stellungnahme nicht es “soll auf die Atemspende verzichtet werden”! Tatsächlich ist zu dem Beitrag der Ärzte für Aufklärung ein Screenshot zu sehen, in dem es heißt “Auf die Atemspende soll in diesen Fällen verzichtet werden”. Möglicherweise stammt dieser Screenshot aus der ersten, nicht mehr verfügbaren Version der Stellungnahme. In der aktuellen GRC-Stellungnahme steht jedenfalls: “Wie bereits vor der COVID 19 Situation empfohlen kann auf die Atemspende verzichtet werden, wenn man diese nicht durchführen kann bzw. nicht durchführen möchte.”  Es wird also nicht ausdrücklich empfohlen darauf zu verzichten, sondern es bleibt freigestellt. Oder wie ist sonst das Wörtchen “kann” zu verstehen?
    Zudem ist dieses Vorgehen nicht neu, sondern wird – wie im weiteren Verlauf des Autors selbst angemerkt – bereits seit längerem von der GRC propagiert. Hintergrund hierzu ist, dass durch den Verzicht auf eine Atemspende die Bereitschaft Wiederbelebungsmaßnahmen durchzuführen bei Helfern drastisch steigt.
    Ich konnte weder in der GRC-Stellungnahme noch in der ERC-Leitlinie Hinweise darauf entdecken, dass Ersthelfer mit medizinischem Personal gleichzusetzen wären. Für das medizinische Personal gibt es gesonderte Anweisungen. Zudem stellt sich für das medizinische Personal die Frage nach einer Ansteckung durch eine ungeschützte Atemspende nicht, da diese eigentlich immer mit Notfallbeatmungshilfen ausgestattet sein sollten.
  • “Bei Angehörigen und Kindern darf man noch auf eigenes Risiko erwägen, Luft einzublasen.”
    Ja, bei den Angehörigen wird darauf hingewiesen, dass durch “das bestehende enge Zusammenleben von einer geringen zusätzlichen Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus SARS-CoV-2 auszugehen” sei. Bei Kindern wird der Vorteil einer Atemspende für die Überlebenschancen des Kindes deutlich hervorgehoben und der Nutzen als höher eingestuft als das Risiko für den Ersthelfer.
  • “Nach gesunden Menschenverstand ist klar, wenn die Luft wegbleibt, wird dies eine Übersterblichkeit der Bevölkerung in den allgemeinen Statistiken hervorrufen.”
    Ist natürlich irgendwie ganz praktisch, wenn man in seine Kritik bereits eine Erklärung für eine eventuell auftretende Übersterblichkeit einbauen kann, die natürlich nichts mit Corona zu tun hat…
  • “In Deutschland erleiden jedes Jahr über 50.000 Menschen einen Herzkreislaufstillstand.”“Studien haben gezeigt, dass Patientinnen und Patienten nach einem Herzkreislaufstillstand mit höherer Wahrscheinlichkeit überleben, wenn Ersthelfer eine Herzdruckmassage im Wechsel mit einer Beatmung durchführen”,  bestätigt das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Institut für Rettungs- und Notfallmedizin am 29.04.2020. Es gibt aber keinen Nachweis, dass wiederzubelebende Erwachsene oder Kinder wegen COVID-19 zur Übersterblichkeit von Ersthelfern führen würden; trotzdem will auch das UKSH die überlebenswichtige Atemspende weglassen.
    Nun kommt noch ein anderes Dokument ins Spiel, was nur indirekt etwas mit dem GRC zu tun hat, nämlich eine Zusammenfassung über das von internationalen Fachgesellschaften empfohlene Vorgehen für Laien und medizinisches Personal, welches von einem Kieler Ärzteteam in der Fachzeitschrift „Anästhesiologie und Intensivmedizin“ am 29.04.2020 veröffentlicht wurde. Und tatsächlich empfehlen die Autoren dieses Beitrags für Laien, die Beatmung bei fremden Personen zu unterlassen, damit vertreten sie jedoch nicht die Auffassung des GRC.
  • “Dabei ist für Kinder die Atemspende besonders wichtig; das schreibt selbst der GRC in seinem fatalen Umschwenken wegen COVID-19.”
    Genau. Und deswegen weisen alle (ERC, GRC und die Kieler Autoren) auf die Wichtigkeit der Atemspende bei Kindern hin! Aber bei den Ärzten für Aufklärung klingt es irgendwie trotzdem so, als würden sie es nicht tun.
  • WICHTIGE AUFKLÄRUNG: Es gibt keinen Studienbeweis, dass SARS CoV-2 die Sterblichkeit von Ersthelfern oder Laien bei der Wiederbelebung signifikant erhöhen würde. Es wäre eine nachvollziehbare gute Absicht, der Bevölkerung die Angst vor COVID-19 durch Atemspende zu nehmen. Aber nicht durch aktive Aufforderung zur Unterlassung von lebensrettenden Maßnahmen (Atemspende) und der Weitererzählung eines unbelegten Narrativs: Der Geschichte, dass  SARS CoV-2 selbst die Sterblichkeit von Mitmenschen signifikant im Vergleich zu ähnlichen Viren in Vorjahren erhöhen würde (Übersterblichkeit). Das ist schlicht nicht der Fall. Besser wäre eine Ermutigung zum Fakten basierten Handeln, z.B. Atemspende wie bisher. Grundsatz: Erst die Beweise, dann die Änderung.”
    Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen…
  • “Seit 2005 werden Laien richtigerweise per Wiederbelebungsleitlinie aufgefordert, im Zweifelsfall die Atemspende zu lassen, aber in jedem Fall nach dem Hilferuf auf den Brustkorb zu drücken. Warum also eine Änderung wegen COVID-19 im April 2020?”
    Nun also endlich der Hinweis, dass bei Laienreanimationen bereits seit 15 Jahren im Zweifel lieber auf eine Beatmung verzichtet werden soll und dass die Herzdruckmassage im Vordergrund steht! Warum also der ganze Aufstand, wenn sich im Prinzip fast nichts geändert hat durch die Aktualisierung?
  • “Der Verein Deutscher Rat für Wiederbelebung – German Resuscitation Council (GRC) beruft sich auf ILCOR. Doch nach Ärzteverstand und Aufklärung ergibt sich, dass ILCOR selbst zugibt, dass es keine Beweisstudie allein für eine Aerosol Generation durch Brustpressen oder Defibrilation gibt, Zitat ILCOR:“Knowledge Gaps: No identified study assessed the potential for aerosol generation through delivery of chest compressions and/or defibrillation without associated airway maneuvers.”
    Ok. Sagt ja auch niemand, dass man wegen Aersosolbildung auf Herzdruckmassage und Defibrillation verzichten soll. Nur dass man aus diesem Grund ein Tuch auf Mund und Nase des Patienten legen soll, sollte man sich freiwillig gegen die Atemspende entscheiden. Daher weiß ich nicht was diese Information dem aufmerksamen Leser jetzt sagen soll. Nebenbei, der ERC orientiert sich an einem Kommentar des ILCOR (International Liaison Committee on Resuscitation), der GRC in seiner Stellungnahme dann wiederum am ERC.
  • “COVID-19 Unterversorgung: Vorschlag zur Erfassung einer voraussichtlichen Übersterblichkeit durch Änderung der Wiederbelebungleitlinie 
    Durch den Verein Deutscher Rat für Wiederbelebung – German Resuscitation Council (GRC) wurde am 09.04.2020 durch Änderung der Wiederbelebungleitlinie beschlossen; die Auswirkungen könnten vorschlagsweise durch eine begleitende Änderung des “Erfassungsbogen Reanimation” des Deutschen Reanimationsregisters evaluiert werden. Dazu müsste der Reanimationsbogen um Ankreuzfelder für Atemspende (Ja/Nein, Ersthelfer/Laie) geändert werden. In vielen Jahren hätte man so einen Hinweis darauf, wie hoch die absolute Zahl der Geschädigten durch ausbleibende Atemspende im Zuge von COVID-19 ist.”
    Keine Ahnung wo genau das jetzt herkommt, ich habe es jedenfalls in keinem der Texte gefunden. Darum verzichte ich hier jetzt ebenfalls auf die weitere Kommentierung.

Fazit: In diesem Beitrag der Ärzte für Aufklärung wird meiner Ansicht nach ganz bewusst mit Desinformation gearbeitet. Da der Beitrag sich unter anderem auf eine Pressemitteilung des UKSH vom 29.04.2020 bezieht, ist offensichtlich, dass zum Zeitpunkt des Verfassens bereits die aktualisierte Stellungnahme des GRC vom 24.04.2020 offiziell vorlag. Aus dieser geht klar hervor, dass auf eine Atemspende durch Ersthelfer verzichtet werden kann, nicht soll! Und dies ist bereits seit Jahren ein übliches Vorgehen.

Möglicherweise enthielt die erste Version der GRC-Stellungnahme tatsächlich die Aufforderung, die Atemspende zu unterlassen. Sollte dies der Fall sein, hat die GRC allerdings innerhalb von zwei Wochen ihre Meinung revidiert und die Stellungnahme angepasst. Das wurde vom Autor des Beitrags jedoch schlicht ignoriert. Oder hat er einfach den Unterschied von ILCOR, ERC und GRC nicht verstanden, welche teilweise durchaus unterschiedliche Handlungsanweisungen geben? Dies wird sogar in dem verlinkten Artikel des UKSH deutlich. Für uns in Deutschland (und für die Kritik der Ärzte für Aufklärung) ist allerdings nur die Stellungnahme des GRC relevant.

Also: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten!

Nothing beats facts!

Eure Mrs. Eluhut

 

Spoiler-Alarm: Seit heute (11.06.2020) gibt es sogar ein Update zu dem Beitrag, welches – wer hätte es gedacht – ominöse Verbindungen zur Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung aufzeigt. Vielleicht schreibe ich dazu nochmal einen extra Beitrag.